Esther Buser – Sehnsucht nach neuem Wind

9. Mai 2012
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Bereits zum vierten Mal interviewt Markus Heiniger auf www.ein-achtel-lorbeerblatt.de eine Künstlerin aus dem deutschsprachigen Raum. Es ist diesmal die Schweizerin Esther Buser, die aktuell mit dem Programm www.cirquoui.com unterwegs ist.

MH Hallo Esther!
EB Hallo Markus!

MH Wo wollen wir uns unterhalten?
EB Im Moment wäre mir die Freilichtbühne am liebsten. Bitte mit Sonnenschein.

MH (Schnippt mit den Fingern.) Da wären wir.
EB Das sollte man können…

MH (Schnippt nochmals. – Die Sonne scheint.)
EB Whow!

MH Schon gut. Das klappt ja nur bei “Heiniger trifft”.
EB Immerhin!

MH (Ein kleiner Junge steht auf der Freilichtbühne. Ihn scheinen Heinigers Tricks mit dem Fingerschnippen nicht gross zu beeindrucken. Er beschäftigt sich in aller Seelenruhe mit einem Kabel, das sich auf den Brettern schlängelt und zuweilen mit einer Taube, die ihm Brosamen pickend Gesellschaft leistet.) – Du bist Mutter geworden. Wann?
EB Vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren, wenn man den Zeitpunkt der Geburt des Kindes als Moment des Mutterwerdens nimmt.

MH Und wie heisst der kleine Erdenbürger?
EB Atrea.

MH Schön! Wie geht es euch?
EB Im Moment sehr gut. Atrea liebt Freilichtbühnen.

MH Mich haben die Schlaflieder meiner Mutter geprägt. Mit welchen Liedern singst du Atrea in den Schlaf?
EB Mein Sohn hat das Vorsingen am Bett von Anfang an vehement abgelehnt, so wie ich das ebenfalls von meiner Mutter kannte. Aber singen gehört für mich, für uns zum täglich Brot. Alles, was mir einfällt, vom Butterbrot übers Haare schneiden bis zum Frühlingsanfang. Immer ist eine Melodie auf den Lippen, ein Text im Anflug. In allen Tonlagen. Und Atrea bringt schon Lieder aus der Kita mit, die singen wir vor- und rückwärts.

MH Und worüber lacht ihr zusammen?
EB Darüber. Und wenn Atrea Akkordeon und Gitarre nachahmt und dazu wie ein „Verrückter“ tanzt und klatscht….

MH Du warst ja in Verscio, im Tessin in der Ausbildung. (Das Tessin ist, für die, die es nicht kennen, die Schweizer Sonnenstube auf der Alpensüdseite. Hier spricht man Italienisch und badet in der Maggia, im Lago Maggiore oder im Luganersee. Im kleinen Dorf Verscio in der Nähe von Ascona befindet sich, in alten Tessiner Steinhäusern, die Schule des Weltstars Dimitri. Der Clown ist mittlerweile schon ziemlich betagt, tritt in Verscio, vor ausverkauften Rängen, aber nach wie vor auf.) Was war dein erster Kontakt mit Dimitri? Hast du Erinnerungen an eine seiner Vorstellungen? Bilder?
EB Mein erster bewusster Kontakt mit ihm war, als er uns neue Schüler im Theater begrüsste. Ich glaube, ich habe sein Bühnenprogramm tatsächlich erst während der Ausbildung gesehen. Eingeprägt hat er sich mir ungeschminkt als Privatperson mindestens genauso stark wie als Clown. 

Körperschulung ist meiner Meinung nach enorm wichtig für Menschen, die auf der Bühne arbeiten wollen. Für Clowns genauso wie für Musiker.

MH Bist du in Verscio ein Clown geworden?
EB Nein, definitiv nicht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

MH Mich hätte Verscio auch fasziniert. Aber die Zirkusakrobatik hielt mich ab. Als ich unsere Schweizer Kollegin, die Kabarettistin Anette Corti Ende der 1990er-Jahre in Verscio besuchte, übten sie dort gerade den Flikflak. Und auch meine Kollegin, die Kabarettistin Anette Herbst kam mit diesem verrückten Rückwärtssalto im Gepäck aus dem Tessin zurück. Kannst du diesen Überschlag? Muss ein Clown sowas können?
EB Ich konnte Flikflak springen, ja. Mit einer wehmütigen Betonung auf „konnte“.
Körperschulung ist meiner Meinung nach enorm wichtig für Menschen, die auf der Bühne arbeiten wollen. Für Clowns genauso wie für Musiker.

MH Dimitri jonglierte in seinem legendären Programm “le porteur” auf einem riesigen Überseekoffer. Dabei fuhr und schaukelte dieser auf einer Art Teigrolle am Boden hin und her. Dimitri versuchte verzweifelt vom Koffer hinunterzusteigen, was ihm allerdings – ganz knapp – nicht gelang. Es zog einem die Schuhe aus beim Zuschauen. Als das Publikum zusammen mit ihm schliesslich schon fast resigniert hatte, landete er plötzlich per Flikflak unten auf dem Boden. Das war quasi sein “Sprung aus dem Stuhl”, (gelandet mit überkreuzten Beinen auf der Lehne, ausgegangen vom Sitz, tief eingesunken in der durchbrochenen Sitzfläche), wie ihn nur sein grosses Vorbild Grock auf der Bühne (und im Sägemehl) zeigte. Hat dich sowas gepackt? Oder war es der erzählende unendlich charmant poetische Dimitri?
EB Nun, ich erinnere mich dunkel an eine Faszination, als ich mit Grock und dieser Clownswelt in Berührung kam. Bei Dimitri hat mich ganz klar die Poesie berührt, die Welt, die dahinter steckt und natürlich auch seine Ausstrahlung. Ich hatte aber selber Widerstand, diese Schule zu besuchen. Ich hatte einfach ein falsches Bild davon, dachte, das ist was für Artisten und Clowns. Aber ich bin immer wieder darauf hingewiesen worden, bis ich schlussendlich die Aufnahmeprüfung gewagt habe. Als mir bewusst wurde, welch grosse Basis an Präsenz- Körper- und Bühnenarbeit da geboten wird, wollte ich bleiben. Und das war gut so.

MH Was steckt noch aus der Dimitri-Schule in der Esther Buser drin, die wir heute mit ihren Liedern auf der Bühne erleben?
EB Ich glaube meine Bühnenpräsenz hat ganz viel mit dieser Schule zu tun. Bewusstheit über den Körper, die eigene Ausstrahlung, Kontakt zum Publikum, Rhythmik, Stimme. Wenn ich Artisten begleite und wir auf Festivals spielen, ist auch immer ein Stück Improvisation mit dabei. Zudem liebe ich die Verbindung von Musik und Theater. Ich hatte auch öfter die Gelegenheit für Theater Musik zu schreiben, Lieder zu schreiben. Oder eben als Figur aufzutreten in einem Theaterstück und gleichzeitig auch Musik zu machen. Da fühl ich mich zuhause.

MH In deinem Baselbieter Dialektlied “Grosmueter” versetzt du dich in deine Grossmutter, die ihr Leben lang sesshaft geblieben ist an ihrer Strasse mitten im kleinen Dorf und die dort natürlich trotzdem ein bewegtes Leben lebte. Hast du in deinen Jugendjahren nun etwas davon kompensiert, was deiner Oma verwehrt geblieben war?
EB Oh, ich denke schon. Auch mein Vater wäre immer gern in die Welt gezogen.
Ich hab mein Bündel einfach gepackt.

MH Vom sonnigen Süden bist du weiter nach Berlin gezogen. Wie fasst man als frisch gebackene Schauspielerin und Musikerin dort Fuss? Oder fragen wir so: Wie ist dir das geglückt?
EB Ich bin ohne Arbeit und so gut wie ohne Kontakte nach Berlin gefahren, habe zwei Taschen gepackt und los gings. Ich erinnere mich noch ganz genau an die Zugfahrt. Ich spürte, jetzt stellen sich die Weichen. Geblieben bin ich in erster Linie, weil ich sofort wunderbare Menschen kennengelernt habe und mich dieses Gefühl von Neuanfang und Freiheit getragen hat. Künstlerisch Fuss zu fassen ist schwer in Berlin. Ich arbeite viel mit Künstlern zusammen, die auch in Berlin leben, aber die Auftritte finden meist woanders statt. Und nun habe ich sogar ein Berliner Söhnchen, das Kennenlernen von seinem Papa hat mich auch nochmal an Berlin gebunden.

MH (Atrea und seine Taube beschäftigen sich noch immer auf der Bühne. Das Kabel muss erneut auf Beschaffenheit und allfällige Mängel untersucht werden.) Du singst nebst Baselbieter Dialekt auf deiner Liederreise durch dein Album “Feuermohn” auch Hochdeutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Wie kommst du auf diese Vielsprachigkeit? – Habe ich übrigens eine Sprache vergessen?
EB Yes, two songs in english, hihi. Mir sind Fremdsprachen immer leicht gefallen und ich habe einfach in ihnen gelebt, indem ich oft im Ausland war und auch Leute mit entsprechender Muttersprache kenne. Die Herzverbindung zum Italienischen hatte ich schon bevor ich die Schauspielschule im italienischen Teil der Schweiz gemacht habe.
Inspiriert vom Tessin sind italienische Lieder entstanden, nach einer Tournee in Chile spanische, in Gedenken an die Grosmutter kommt schweizerdeutsch, in der Sehnsucht nach Frühlingslebensglück Französich, das entsteht einfach. Ich habe nie entschieden: jetzt will ich in anderen Sprachen Lieder singen.

MH Mein Liebling ist dein Deutsches Lied: “Ich gehe neben dir”. Da ist dir etwas ganz Besonderes geglückt, finde ich. Wie siehst du das?
EB Ich glaube, es ist so. Gemerkt habe ich es aber erst dadurch, dass mich nach Konzerten immer wieder Leute auf genau dieses Lied angesprochen haben. Es ist an einem Nachmittag innerhalb zweier Stunden entstanden – aus einem Gefühl heraus, hört doch mal auf mit diesen albernen „I can`t live without you“ Liebesliedern.

MH Nicht nur “Neben dir” profitiert von der Zweistimmigkeit, die du auf “Feuermohn” zusammen mit Oli Rickenbacher pflegst. Ihr singt oft in einer Weise polyphon, ja kontrapunktisch, wie es etwa der Kanadische Pianist Glen Gould so liebte und sogar in einem Hörspiel ausprobierte. “Kontrapunktisches Radio” nannte er das. Verschiedene Stimmen gehen ihre eigenen Wege und finden gelegentlich wieder zusammen. Wie entstanden solche Duette bei euch? Auf dem Papier? Im Kopf? Beim Proben?
EB Bei mir entsteht Musik nie auf dem Papier. Texte manchmal, ja. Beim Proben höre ich eine Melodie im Kopf und sage dann: Sing du mal das, ich geh hier lang. Analysieren ist nicht meine Stärke.

MH Im Lied “Grosmuetter” singst du zum Schluss: “Und au i weiss nid, wohär dr Wind wäiht” (“und auch ich weiss nicht, woher der Wind weht”), und du betonst immer auf “här”, also auf die zweite Silbe bei “woher”. Dann, einmal nur, betonst du plötzlich auf “Wind”, um dann sogleich wieder auf die erste Betonungsweise umzuschwenken. Dies ist der Moment, in dem mich dein Lied nicht nur berührt sondern richtitg packt. Denn der drehende Wind weht hier tatsächlich in die Sprache hinein und wirbelt diese kurz umher. Oder sagen wir es umgekehrt. Die Sprache wird zum Wind, von dem du singst. Entsteht bei dir sowas im Spiel oder ist das Akkribie?
EB Im Spiel. Wenn das bei dir so ankommt und du dir diese Gedanken machst, denke ich, wow, ist ja toll, dass man das so hören und interpretieren kann. Das entsteht bei mir wirklich ganz intuitiv. 

Ich würde ja riskieren, hier auf der Freilichtbühne mit Tomaten beworfen zu werden, wenn ich sage, dass ich als Jugendliche Ramazzotti geliebt habe.

MH Kannst du je eine bis zwei Sängerinnen oder Sänger nennen, die für dich in den Sprachen, in denen du singst, wichtig waren?
EB Ehrlich gesagt nein. Ich würde ja riskieren, hier auf der Freilichtbühne mit Tomaten beworfen zu werden, wenn ich sage, dass ich als Jugendliche Ramazzotti geliebt habe. Linard Bardill ist mein persönlicher Supermann, was Mundart Lieder angeht.

MH Auf der CD “Feuermohn” und auch live begleitet dich zuweilen der Gitarrist Rainer Rohloff (www.rainerrohloff.com). Dein eigenes Instrument ist allerdings das Akkordeon. Hat sich das mit der “Handorgel” so ergeben oder war das von Beginn an eine Liebesbeziehung?
EB Heute würd ich sagen, es war von Anfang an eine Liebesbeziehung. Allerdings mit ein paar Seitensprüngen (Saxophon und Gitarre), Scheidungen und Wiedervermählungen. Ich liebe das Akkordeon.

MH In deinen jüngsten Projekten “Platzregen” (www.platzregen.net) – hier hast du für die Truppe die Musik geschrieben – sowie Cirqu’Oui (www.cirquoui.com) – hier findest du dich mit deinem feurigen spanischen Lied “Fuego del corazon” mitten in einer Zirkusnummer auf der Strasse mit Jonglage und Reifenakrobatik wieder – bist du aufs Neue mitten in der Theater- und Circuswelt angelangt. Die berührendsten Einblender im Video, das ich im Netz gefunden habe, sind für mich die strahlenden Kinderaugen. Sie bestimmen im Moment wohl grundlegend die Richtung, aus der der Wind bei dir weht. Oder?
EB Die Theater und Circuswelt hat für mich immer eine starke Anziehung gehabt und ich habe da für mich als Spielerin und Musikerin/ Liedermacherin einen guten Platz gefunden. Als wir die letzten zwei Jahre im Sommer auf Tour waren, hab ich meinen Sohn einfach mitgenommen. Das ist grossartig auf der Bühne zu spielen und im Publikum klatscht der eigene Sohn begeistert mit, obwohl er noch nicht sprechen kann!

MH (Lächelt.)
EB Dennoch, zurzeit zieht es mich künstlerisch ganz klar in Richtung neues Liederprogramm. Sehnsucht nach neuem Wind, nach Veränderung. Dass da der Wind aus der Kinderecke mich manchmal ganz pragmatisch ausbremst oder in andere Bahnen lenkt, ist ja klar und auch durchaus lebenswert.

MH Danke für dieses Gespräch, Esther!
EB Das Vergnügen war meinerseits!

Biographie:

Esther Buser wird 1975 geboren und wächst in der Schweiz, in der Nähe von Basel auf. Im Tessin bildet sie sich an der “Scuola Teatro Dimitri” zur Schauspielerin aus. Seit dem Jahr 2000 lebt und arbeitet sie in Berlin. Zusammen mit Oli Rickenbacher entsteht ihr erstes eigenes Liederprogramm “Feuermohn”. Ein halbes Jahr nach Erscheinen der gleichnamigen CD gewinnen die beiden am Berliner Troubadour / Singer-Songwriter-Wettbewerb den 2. Rang. Esther Buser ist Mutter eines zweieinhalb Jährigen Sohnes und in verschiedenen Ensembles Mitglied als Musikerin und Schauspielerin.

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