Oli Kehrli – Am Chnoche gnage

4. Januar 2013
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CD-Rezension von Markus Heiniger

Mani Matter spielte, bevor er 1972 – erst 36-jährig – auf einer Schweizer Autobahn den Tod fand, viel mit seinen beiden kongenialen Berner Troubadour-Kollegen Fritz Widmer und Jacob Stickelberger zusammen. Nun lebt von den dreien nur noch Stickelberger. Und der Altmeister ist gerade daran, einen wildwachsenden jungen Apfelbaum, den er unlängst in der Nähe seines Gartens entdeckt hat, zu hegen und zu pflegen.

Das Gewächs heisst Oli Kehrli und die Pflege durch den Troubadour und Juristen ist das schiere Gegenteil von Kuschelpädagogik; harte Schule also. Denn Jacob Stickelberger spricht wenig. Dafür Klartext. Schonungslos. Dafür ist er bekannt. Dass Oli Kehrli daran zu wachsen scheint, spricht für den jungen Berner und die Zusammenarbeit mit seinem Mentor.
„Am Chnoche gnage“, (am Knochen nagen), heisst Kehrlis neueste CD. Gleich im ersten Song der Scheibe erklärt der bekennende YB-Fan, (BSC Young Boys, das Fussball-Team, welches das Nachfolge-Stadion bespielt, in dem sich „das Wunder von Bern“ ereignete): „E Songwriter bin i nid“, (ein Songwriter bin ich nicht), „nume e Värslischmid“, (nur ein Verseschmied). Ja. Allerdings einer, der die Tradition der Berner Troubadours im besten Sinne fortführt. Und spätestens wenn er in seinen Konzerten von Musikerinnen und Musikern begleitet wird, die z.T. die Weltbühnen der Klassikszene bereisen, geraten Kehrlis Sätze zu seiner musikalischen Ausrichtung zum Understatement; Item. Als Oli Kehrli unlängst sein Lied „Wenn dr Verchehr verchehrt verchehrt“, (wenn der Verkehr verkehrtrum verkehrt), Jacob Stickelberger schickte, ärgerte sich dieser in seiner ersten Reaktion auf das Chanson darüber, dass er es nicht selber geschrieben hat. Ein Ritterschlag.
Mit seinen Texten vermag Kehrli zu überzeugen. Sie kommen so kernig, verschmitzt und locker daher, dass Liebhaber und Kenner des Berner Chansons die Knochenarbeit erahnen, die das Verseschmieden bedeutet. Und wer kein Kostverächter ist, nagt zusammen mit Oli Kehrli genüsslich an all den zahlreichen Knochen, die er vor unserer Nase ganz beiläufig und munter an immer wieder ungeahnter Stelle ausgräbt.

Link: Homepage von Oli Kehrli www.olikehrli.ch / Online-Journal “Ein Achtel Lorbeerblatt”: www.ein-achtel-lorbeerblatt.de.

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