Corin Curschellas oder die unvermutet sanfte Sprache der Schweizer Alpen

26. Oktober 2014
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Aus der Reihe “Heiniger trifft …” von Markus Heiniger. Ein Interview mit Corin Curschellas.

corin_curschellas_farbe_quadratischSie ist eine der grossen Chanson-Stimmen der Schweiz. Seit Jahrzehnten schreibt sie eigene Lieder in verschiedenen Sprachen und macht im besten Sinne Weltmusik. In ihrem neuesten Werk beschäftigt sie sich mit ihrer „Vatersprache“ Rätoromanisch. Und um diese dreht sich auch das vorliegende Interview. Denn Rätoromanisch zusammen mit Corin Curschellas zu entdecken, ist spannend, groovt und macht Spass! Nicht nur auf ihrer neuen Doppel-CD mit einem wunderschönen Liederbuch, in dem die Rätoromanischen Texte alle auch auf Deutsch übersetzt sind: LA GRISCHA / Chanzuns popularas rumantschas / Rätoromanische Volkslieder.
Wir treffen uns im Lehmkino Cinema Sil Platz. Von aussen wirkt das niedere Gebäude im Hof wie eine etwas verlotterte alte Werkstatt, ähnlich den Industriebauten, wie es sie auch in grossen Städten gibt. Dieses Gebäude war mal eine Schmitte, mitten in Ilanz. Vor ein paar Jahren konnte der Kinoverein die Besitzerfamilie gewinnen, die Räumlichkeiten umzubauen nach den Plänen von Vorstandsmitgliedern und einen öffentlichen Kulturraum zu gestalten. Heute treten wir ein in eine auffällig stilvolle Bar, in der sich auch eine alte Holzbühne befindet, daselbst Lesungen stattfinden, Konzerte, Theateraufführungen, Kleinkunst und Vorträge. Das eigentliche Kleinod allerdings ist der kürzlich digitalisierte Kinoraum aus Stampflehm, mit 53 bequemen Ziegenledersitzen.
Wie klingt Corin Curschellas? Was sie zusammen mit ihrem Ensemble musikalisch abliefert, ist Musik vom Allerfeinsten. Ich lasse ihre beiden neuen CDs seit geraumer Zeit im Auto laufen und denke: Schade verstehe ich kein Rätoromanisch. Und sogleich: Ach was, egal, das klingt alles viel zu zauberhaft und zugleich wunderbar geerdet, um dabei irgendetwas zu bedauern. Zudem habe ich ja das Buch mit den Deutschen Übersetzungen vor mir.

MH Ciao Corin!
CC Allegra Markus, aber nicht lesen während dem Fahren, gell!

MH Ha, ha, ha, nein, nein, das mache ich dann schon lieber zu Hause. Sag mal, was verbindet dich mit diesem Ort hier?
CC Ich bin im Vorstand des Cinema Sil Plaz, programmiere meine Wunschkultur, habe eine eigene Kino-Reihe: „corin invit“, wo ich im Anschluss an Filme mit den Regisseurinnen und Regisseuren und dem Publikum ein Gespräch führe. Dieser Ort hat eine grosse Anziehungskraft bekommen, interessant und einzigartig. Das Lehmkino Cinema Sil Plaz ist vermutlich das schönste Kino in den Alpen, und es macht uns allen den Alltag hier erfreulich, weil nun „tout le monde de la culture“ zu uns kommt in die kulturelle Brache. Im Übrigen bekamen wir den „SwissRe Milizpreis 2014“, weil wir, fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gemeinsam pro bono Freiwilligenarbeit leisten, auf hohem professionellem Niveau.

Die Nomination ist bereits der Gewinn!

MH Dieses Jahr warst du für den ersten Schweizerischen Musik-Grand Prix nominiert. Schliefst du noch gut, nachdem du es erfahren hattest?
CC Sehr gut, mit süssen Träumen! Die Nomination ist bereits der Gewinn! Dass ich das Glück hatte, für diese Wertschätzung nominiert zu sein beim 1. Grand Prix des BAK, ja, das hat mich ganz zufrieden gemacht. Es ist nämlich so, dass sehr viele Leute in diesem Land keine Ahnung davon haben, wie viel ich kreiert habe in den letzten youtube- und facebooklosen 40 Jahren – im In- und Ausland, on and on and on – den Rändern entlang, bewusst unkommerziell und in der Nische. Da war ich auch überrascht, dass das ein paar Spezialistinnen und Spezialisten also doch wahrgenommen haben. Ich weiss natürlich, dass sich jede Jury mit so einem wichtigen Preis auch selbst positioniert, und da man mit mir “keinen Staat machen kann“, dachte ich: Irene Schweizer oder Franz Treichler, den beiden würde ich den Preis von Herzen gönnen.

MH Ja, und der erste Schweizer Musikpreis ging denn auch tatsächlich an den Freiburger Musiker Franz Treichler von der Band „The Young Gods“. Nebst vieler Ehren durfte er im Opernhaus Lausanne immerhin auch Fr. 100’000 entgegennehmen. Tja, wer könnte das Geld nicht gebrauchen… Doch zur nächsten Frage, Corin. Viele Liedermacher verstehen die Musik in erster Linie als Transportmittel für ihre Texte. Du stehst da, wenn ich das richtig sehe, an einem etwas anderen Punkt, oder nicht?
CC Mir waren die Liedtexte und -poesien immer wichtig. Leere Sätze wollen mir nicht über die Lippe, denn wir haben ja Verantwortung, wir sind sorry „Medien“ und „Sender“: Was wir in die Ohren träufeln, fliesst weiter ins Herz, Hirn, Blutkreislauf und ins Tanzbein und soll nachhaltig sein, wahrhaftig, ehrlich und echt. Wir wollen ja die Hörerinnen und Hörer nicht vergiften oder für dumm verkaufen! So suche ich nach den starken oder schönen Melodien, den spannenden Texten, sei es Eigenbräu, Interpretation oder Volkslied, immer versuche ich diese gewählten canzuns, songs, chansons, chanzuns, canzoni & Lieder mit authentischen und kompletten Musikern zusammen lebendig, frisch, farbig, saftig und würzig zu gestalten. Wie das Zubereiten einer guten Nahrung halt!

MH Dein neuestes Werk „LA GRISCHA“ erklingt in deiner Vatersprache Rätoromanisch. Die beiden CDs liegen dem Liederbuch bei, welches alle Texte auch auf Hochdeutsch übersetzt. Was hörst du deinen Vater spontan auf Rätoromanisch sagen, wenn du an ihn zurückdenkst?
CC „Mach solches noch mehr!“, stand als letzte Bemerkung auf dem Kärtlein, das ich zusammen mit einem Blumenstrauss nach meinem Schauspieldebut im Theater Chur in der Garderobe fand. Da war ich 16 und spielte in einem Kantonsschultheaterstück DKG: Die Laura in der Glasmenagerie. Die Blumen waren von meinen Eltern, die Karte schrieb der Vater. Ein Jahr später ist mein Vater verstorben. Ich denke, dass er mir in unserer zu kurzen gemeinsamen Zeit die Wertschätzung für Kultur und Kunst übertragen hat und somit auch den Mut diesen Weg unbeirrt zu gehen. Mein Vater hatte sich für das Jurastudium entschieden und gegen eine Musikerlaufbahn. Er spielte fantastisch Klavier und konnte jedem Instrument, das er in die Hand nahm, gleich berührende Klänge entlocken, Musik. Und er konnte improvisieren. Grosse Begabung. Ich danke Dir für diese Frage, denn sie hat mich an sein Vermächtnis erinnert.

Wir wollen ja die Hörerinnen und Hörer nicht vergiften oder für dumm verkaufen.

MH Für mich klingt Rätoromanisch wunderschön weich. Ich war ja unlängst in Tigignas. Dies spricht man – für alle Leserinnen und Leser, die Rätoromanisch nicht im Ohr haben – ähnlich aus wie Tessin auf Italienisch: „Ticino“. Doch während das „ci“ auf Italienisch als eher hartes „tschi“ gesprochen wird, klingt das „tschi“ in „Tigignas“ eben sehr weich. Erkläre ich das richtig? Und wenn ja, wie kommt es, dass ein hartes Bergler-Volk eine so samtene Sprache spricht?
CC Ich lese gerade ein historisch recherchiertes Buch aus der Surselva: Die Hexe von Dentervals (Disentis/Mustér) aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ja, diese Zeit war hart, arm, brutal, rauh, schwer und bedrückend dunkel. Auch in meiner Jugend waren die Sprache und der Umgangston in den Dörfern eher roh. Schon auch herzlich aber direkt und ohne „Federlesen“. Die Gegend in der Surselva ist steinig und „ruch“, die Sprache war es auch. Je mehr du dich jedoch mit Literatur, Texten und Poesie auseinandersetzt, dir der Sprache bewusst wirst, desto raffinierter und subtiler werden die Farben und Nuancen des Ausdrucks. Ja das „tg“ ist weich und für nicht Romanen echt schwierig auszusprechen. Dennoch behaupte ich jetzt mutig, dass der Sprachgesang immer abhängt von der Person, welche spricht. Wir kennen auch heute noch recht starke und harte Aussprache. Es gibt keine Regel. Wir kennen auch die weiche. Im Gesang allerdings leben die Leute in der Surselva ihre andere Seite. Das sind die Menschen empfindsam und können im gemeinsamen Singen Verletzlichkeit und Empathie ausdrücken und miteinander teilen, was sie sonst nicht mitteilen wollen oder können. Auch ob das „R“ auf Rätoromanisch auf die französische Art gesprochen wird oder auf die gerollte italienische, der Sprachklang ist eben auch unterschiedlich von Ort zu Ort, verändert sich von Tal zu Tal.

MH Lag dir die Sprache von Anfang an gut auf der Zunge? Ich frage, weil ich mir beim Lesen unlängst beinahe die Zunge verstaucht hätte. An Bündner Häusern, habe ich unlängst das Wort „dgesa“ (Haus), gelesen, das ja bestimmt mit dem Italienischen „casa“ verwandt ist. Auf der Warntafel vor der Schule in Savognin las ich: „adatg infants“. Diese „dg“- und „tg“-Konsonantenabfolgen finde ich schwierig. Singen sie sich locker?
CC Aber ja, der Tausendfüssler kann seine 500 Paar Füsse ja auch koordinieren! Ein Tipp: man/frau erfasst es leichter übers Ohr, das Wort-Bild kann verwirrend sein. Wirklich schwierig wird es im Engadin, mit „Cinuos-chel“ zum Beispiel! Aber wenn Du es hörst, ist es wie gesagt einfacher. Für mich ist es natürlich kein Problem. Hier mein Vorschlag, wenn du auf den Link http://bargunsenar.ch/de/woerterbuch.html gehst, findest du das Romanische Wörterbuch aus dem Dorf Bergün/Bravuogn und hinter jedem Wort hörst Du beim Lautsprecherzeichen die Aussprache, da kannst Du den Unterschied zwischen Bild und Klang erkennen, das macht Spass! Aber aufgepasst, das gilt nur für diese Sprachgruppe, jedes Idiom hat seine eigenen Gesetze. Das ist typisch Graubünden, sehr divers!

MH Von deiner Heimatstadt Chur aus bist du vor vielen Jahren als junge Primarlehrerin, Schauspielerin und Musikwissenschaftlerin via Zürich nach Berlin ausgewandert. Was trieb dich nach Berlin?
CC Ich war nie Primarlehrerin. Nach dem Mittelschulabschluss mit Lehrerdiplom bin ich direkt an die Schauspielschule Zürich, das war 1977, eine bewegte Zeit , das Theater-Studium, die Konzerte mit Walter Lietha und Max Lässer mit der „Bode Band“, die Demos um das AJZ, die Suche nach dem eigenen Lebensinhalt, die Versuche die grossen Ideale umzusetzen, der Zeitgeist, diese „Gunst der Stunde“ – es war eine wunderbar unmaterielle Zeit. Es ging um andere Werte, Mut, Offenheit, Freiheit, Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Es war perfekt, in dieser Zeit jung zu sein. Wir konnten alles ausprobieren und zwar subito! Ich unterbrach für zwei Jahre die Schauspielschule, machte „nur noch“ Musik, studierte an der Uni, begann aber 1980 von neuem die Schauspielakademie und schloss 1983 mit dem Diplom ab. Meine Wege waren kurvenreich und krumm, mittlerweile war „mein“ Zürich durchforstet, das Terrain erkundet und manches wurde zur simplen Wiederholung. Ich bekam hautnah zu spüren, dass man in der überschaubaren Deutschschweiz bald bekannt ist wie ein bunter Hund, was zum Nachteil hat, dass die Etiketten, die man verpasst bekommt, nicht mit dem Inhalt übereinstimmen. Ich kam in der Schweiz nicht mehr weiter, flog meine Runden wie eine Schwalbe im Dachstock, aufgeregt wie ein Zugvogel, wenn das Wetter wechselt. Als ich dann die Luke fand, flog ich flugs nach Berlin und lebte, liebte, experimentierte, erweiterte, vertiefte, erkundete, kreierte, lernte und lehrte dort kreative acht Jahre lang bis zum Mauerfall. Intensiv! Da begann ich auch rätoromanische Texte zu vertonen.

Durch Lesen, laut Lesen, hundertmal wiederholtes laut Lesen tritt die poesieinnewohnende Melodie zutage. Wenn es dann nicht klingt, kann man aufhören, dann will das Gedicht kein Lied sein.

MH Ausgerechnet in der Stadt an der Spree begannst du dich intensiv mit Rätoromanischen Texten zu beschäftigen. Wie kam es dazu?
CC Mein Umfeld in Berlin war polyglott, ich arbeitete mit Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland, US-Amerika, Skandinavien, Katalonien, Frankreich und England zusammen und wir kommunizierten im bunten Sprachgemisch. Meine erste eigene Konzertreihe in Kreuzberg hiess: „les extrèmes se touchent“. Ein Konzertabend in einer ehemaligen Bankfiliale. Der Proberaum war der Tresor, der Auftrittsort die Schalterhalle, Lieder auf Englisch, Französisch, Deutsch und Rätoromanisch. Zuvor hatte ich im Stall meiner Grosseltern in Rueun eine Kiste gefunden mit Gedichtbänden von Alfons Tuor und Gian Fontana. Ein paar Bände nahm ich mit nach Berlin und las und prüfte die Gedichte auf ihre Singbarkeit. Durch Lesen, laut Lesen, hundertmal wiederholtes laut Lesen tritt die poesieinnewohnende Melodie zutage. Wenn es dann nicht klingt, kann man aufhören, dann will das Gedicht kein Lied sein.

MH Weiter ging’s nach Paris. Wie lange lebtest du dort?
CC Ich habe erst kürzlich meine letzten acht Koffer von der Rue Ferdinand Duval nach Rueun transportiert, meinen liebsten marokkanischen Teppich, eine Lampe, wenig Geschirr, und Kleinigkeiten und meine Aufzeichnungen-Tapes, Kassetten, meine Notiz- und Skizzenbücher, den Rest habe ich dagelassen, denn die Wohnung wird dauerbewohnt von Freunden; ich möchte einfach nicht mehr in einer grossen Stadt leben.

MH Lassen sich Berlin und Paris miteinander vergleichen?
CC In meinem damaligen Berlin der 80-er war viel Toleranz und viel Möglichkeit für jedwede Art von Künstlerinnen und Künstlern. Berlin ist nicht schön, aber ehrlich und unverblümt. Jeder kann machen, was und wie er will. Paris ist eine etwas hochnäsige Schönheit, sie verlangt einige Verrenkungen und Geschick, wenn du auf ihrem Terrain mitspielen willst. Berlin hat den heruntergekommenen Charme des Unperfekten. Paris hat den Charme erfunden und lässt ihn zuweilen auf schmerzliche Art vermissen. Ja, ich habe das Leben in den weitflächigen Metropolen genossen, lebte und arbeitete in London, Wien, Barcelona und NYC und war fast süchtig nach der ungestörten Konzentration und was aus der Folge davon in dir heranwachsen kann dank Isolation und Ruhe für Reflexion in der Grossstadtanonymität!

MH Aber nun hast du genug.
CC Jetzt sind mir da zu viele Menschen. Und zu viele sind unglücklich, gezeichnet. Der Verkehr ist zu lärmig, die Luft ist mies! Mag sein, das ist eine Alterserscheinung, wie die grauen Haare. Darum gibt es jetzt auch: LA GRISCHA. Die Graue. Wie Graubünden!

MH Bleiben wir trotzdem noch einen kurzen Moment in Paris. Ich nehme einmal an, du hast dir in der Stadt an der Seine mehr angesehen als der Schweizer Autor Peter Bichsel, der sich sein inneres Bild von Paris nicht zerstören wollte, wie er sagte, und sich deshalb während seinem bisher ersten und einwöchigen Aufenthalt in seiner Traumstadt, mit Ausnahme eines Abstechers zu Rilkes legendärem Karussell, eine Woche lang ausschliesslich rund ums Hotel am Bahnhof aufhielt. – Welcher Ort in Paris war für dein musikalisches Schaffen wichtig?
CC Ich kenne die 20 Arrondissements alle, aber unterschiedlich gut. Habe immer „rive droite“ gelebt, im 4., 18. und 20. Aber ich kenne das „Innere Paris“ der 20 Arrondissements, habe sämtliche Museen irgendwann besucht, bin oft selber in Paris aufgetreten, habe Theater besucht, bin durch die „parcs“ flaniert, habe Flaubert gelesen, Victor Hugo, Sartre und Simone de Beauvoir, um die wenigsten zu nennen, habe die „film noirs“ in den Pariser Cinemas gesehen, die Marchés – ach, gleich bekomme ich Heimweh – und die Musikproben mit den Mitmusikern bringen dich ja auch quer durch die Stadt und an ihre Ränder. Während meiner Paris-Zeit habe ich viele Auslandtourneen gemacht: Europa, Asien, Afrika, USA, da war ich manchmal während sechs Wochen auf Tour und danach einfach am liebsten „daheim“. Darum würde ich sagen, die kleine Adlerhorst-Miet-Wohnung an der Rue Ferdinand Duval, welche ich vom unvergessenen Niklaus Meienberg (linksintellektueller Schweizer Historiker, Journalist und Schriftsteller, 1940 – 1993, Anm. MH) übernommen habe und das Aufnahme- und Probestudio des Schlagzeugers und Musikproduzenten Steve Argüelles, das sind bleibend meine wichtigsten Pariser Orte!
Berlin ist nicht schön, aber ehrlich und unverblümt. Paris hat den Charme erfunden, lässt ihn aber zuweilen auf schmerzliche Art vermissen.

MH Im ersten Lied auf „LA GRISCHA“ tritt eine Schwalbe auf, die einem jungen Menschen, der sie fragt, was sie hier auf dem Zweig tue, vom Heiraten abrät. Ein einfaches und gleichzeitig geheimnisvolles Volksliedmotiv. Was hat es damit für eine Bewandtnis?
CC Die Schwalbe heisst Randulina, in dem Lied ist es Randulin, damit ist „Auswanderer“ gemeint. Mit „Randulins“ sind diejenigen gemeint, welche auszogen, wegzogen, um im Ausland z.B. als Zuckerbäcker in Italien „Karriere“ zu machen. Der Randulin im Lied ist also ein Mann, der seiner Angebeteten rät, den Nebenbuhler nicht zu heiraten, sondern zu warten, bis er zurückkommt. Aber dies wissen sogar etliche Engadinerinnen und Engadiner nicht. Plötzlich macht dich jemand darauf aufmerksam und du gibst es dann weiter!

MH Wie gelingt es solch alten Liedern, dich so sehr in ihren Bann zu ziehen?
CC Je älter ich werde, desto mehr faszinieren mich die alten Motive! Ich habe 35 Jahre damit verbracht, mich selber zu kreieren, meine Ist-Welt zu erfinden, meine Stimmen zu entwickeln, meine Themen neu auszuloten, und dreihundert eigene Songs geschrieben, in vier Sprachen, ungehindert habe ich mich Schritt für Schritt durchgewühlt und weiterbewegt. Das ist geschehen und hat sich jetzt erledigt. Nun interessiert mich einfach mehr, wie’s vorher war, vor unserer Zeit. Was war den Vorfahren wichtig, wie haben sie gelebt, wie waren der Alltag, die Ereignisse, im Grossen wie im Kleinen, um dann zu sehen, dass die Volkslieder themeninhaltlich auf der ganzen Welt oft miteinander verwandt sind. So wird man in der Volksmusik Teil der grossen Weltmusik und schlägt erst noch ein paar Wurzeln. Alles, was jemals war, hat sich in homöopathischen Dosen in uns aufgelöst und verteilt und wirkt weiter in uns.
Gestern war ich an einem Kastanienfest im Bergell. Wir erfuhren, dass die Ernte kümmerlich ausgefallen sei, wegen eines Wespenschädlings, und dass man für das Fest die Kastanien aus Frankreich, Italien und Portugal importiert habe. Noch vor hundert Jahren hätte das Hunger bedeutet, Auswandern oder verhungern. Noch gar nicht lange her…

MH Abgesehen von einer Variante des „Guggisbärg-Liedes“ mit seinem bekannten Mühlrad, welches Liebe mahlt, habe ich in deinen Rätoromanischen Volkslidern spontan wenige Parallelen zum Schweizerischen oder Deutschen Volksliedgut gefunden. Täuscht es oder ist die Volksliedkultur der Rätoromanen tatsächlich so eigenständig? Oder kommen die Einflüsse eher aus dem Süden?
CC Die Lieder kommen aus allen Richtungen, manchmal von weit, weil der Alpenbogen ja von Frankreich bis Slowenien reicht, und aus allen Richtungen durchgereist wurde. Das Unterengadin ist stark aus dem Tirol beeinflusst. Und natürlich aus der Lombardei und Venezien kamen die Reisenden mit ihren Liedern. Auch in Mittelbünden und in der Surselva kennen wir die Lombardischen Lieder. Die Römer waren da, die Russen kamen vorbei und die Franzosen auch. Die Handelsrouten verliefen und verlaufen Nord-Süd entlang der wichtigen Passrouten. Wir kennen auch Melodien aus dem deutschen Elsass, aber nun mit romanischem Text, wir kennen fünf verschiedene Liedmelodien zum gleichen Text. Und verschiedene Texte aus diversen Idiomen mit der einen Melodie. Es gibt alles, variantenreich. Artenvielfalt!

MH Gibt es im Kanton Graubünden noch singende Schulhäuser, also Schulhäuser, die im Sommer, bei geöffneten Fenstern von aussen klingen, wie sie mein Freund und Mentor, der Chor- und Orchesterdirigent, Kirchenmusiker und Trio-Eugster-Arrangeur (Trio-Eugster, die „Swiss-Boy-Group der 1980er) Hugo Dudli beschrieb und sie sich aus tiefster Seele für die Zukunft wünschte. Und klingen aus den Schulhausfenstern in Graubünden noch Rätoromanische Volkslieder?
CC Ja, auch in Rueun. Überall wo im Kindergarten und in der Unterstufe romanisch gesprochen wird, da klingt es durchaus im Sommer aus dem Fenstern, klingt bis hoch zu meinem Haus. Auch unser Liedbuchbeitrag LA GRISCHA hatte als Auslöser die Absicht, dass die jungen Menschenkinder die alten Lieder kennen und von klein auf singen.

MH Kommst du mit deinen Liedern auch persönlich mit Schulkindern in Kontakt?
CC Ich unterrichte einzelne Jugendliche in Gesang an der Musik- und Sport-Talentschule in Ilanz. Und mit dem Buch wollen Ursina Giger, Astrid Alexandre und ich mit LA TRIADA dann bald Stubenkonzerte in Dörfern machen und mit den Leuten (Jung und Alt) singen. Gestern am Kastanienfest im Bergell wurde schön viel gesungen, auch einige romanische Lieder, sehr, sehr schön.
Wie toll, am Feuer singen anstatt reden!

MH Obwohl, deine Versionen ja doch eigentliche Kunstlieder sind, als Bühnenstücke arrangiert. Können Schulkinder deine Lieder mitsingen? Oder singst du mit den Kindern einfachere Versionen?
CC Die Melodie ist immer die Originalmelodie. Wie ein Mensch in verschiedenen Kleidern kein neuer Mensch ist, aber verwandelt, so erklingen die Melodien in neuen Arrangements sehr unterschiedlich und das soll Mut machen, die eigene Version zu kreieren. Nicht richtig, nicht falsch, nur anders halt und eigen.

Die Rätoromanische Sprache wird jede und jeden, der jetzt unsere Erdenluft atmet überleben.

MH Den Elsässer Liedermacher René Egles, der seine Lieder über viele Jahre auch mit Schulklassen sang, („Em Pappe syni Schlappe“ und andere grossartige Songs), fragte ich einmal nach den Überlebenschancen des von mir ebenfalls geliebten Elsässer-Dialekts. Da erklärte René mir väterlich und ernüchternd, es verhalte sich damit ein wenig so, wie wenn der Arzt zum Patienten sage: „Nun, da Ihr Lungenkrebs so weit fortgeschritten ist, dürfen Sie getrost wider mit Rauchen beginnen.“ Elsässisch wird also erst jetzt wieder kultiviert, wo es am Sterben ist. Wie steht es ums Rätoromanische?
CC Ich habe mehrfach folgendes geäussert: Die Rätoromanische Sprache wird jede und jeden, der jetzt unsere Erdenluft atmet, überleben. Und solange Mütter und Väter und Familien ihren Kindern Romanische Lieder vorsingen, ist eine Sprache „läbig“. Es ist wie bei Pro Spezia Rara, nun werden die alten fast ausgestorbenen Sorten wieder geschätzt, gepflanzt und geerntet! Im Moment, wo „man“ sich bewusst wird, dass wir im Begriff sind, wertvolles tradiertes Gut zu verlieren, ist es nicht verloren. Wir packen es, grad bevor es um die Ecke verschwindet. Und so wird auch traditionelles Handwerkerwissen wieder bewusst gelehrt und gelernt. Ich bin optimistisch, ja, wir dürfen laut hoffen! Und trotzdem offen sein für die guten, hilfreichen neuen Errungenschaften. Klar! Es gibt kein Zurück!

MH Schwingt der Gedanke, das Rätoromanische zu schützen, also in deinen Liedern mit?
CC Schützen ist eventuell nicht das Wort, welches ich gebrauchen würde. Ich mache diese Liederbücher und meine Projekte zu den alten Romanischen Liedern, um den Hörerinnen und Hörern zu zeigen, wie viel Leben, Saft und Möglichkeit sie bergen und fordere die Leute auf, gemeinsam die traditionellen Lieder zu singen und somit in die Glut zu blasen, damit das Feuer nicht ausgeht.

MH In einigen deiner Volkslieder höre ich das aus dem Deutschen übernommene „B‘hüeti Gott“ (Behüte dich Gott, oder „Pfiati!“ im Bayrischen) heraus. Ein schöner Ausdruck, der sich da aus dem Deutschen ins Rätoromanische eingeschlichen hat. Danke für deine wunderbaren Songs! Und „b’hüeti Gott!“
CC Pietigot! Bhüet au Di! Adia! heisst auch dasselbe. Geh mit Gott. Oder sogar geh mit der Göttin? – A dieu!

Biografisches

corin_curschellas_swCorin Curschellas wurde 1956 in Chur geboren und studierte nach der Ausbildung zur Primarlehrerin Schauspiel und Musikwissenschaft in Zürich. Die Bündner Sängerin und Songwriterin kehrte nach 35-Jähriger Tätigkeit im Ausland, unter anderem in Berlin und Paris, zurück nach Rueun (GR). Seitdem beschäftigt sich Corin Curschellas intensiv mit dem rätoromanischen Volksliedgut. Sie arrangiert und interpretiert alte romanische Lieder neu und verleiht ihnen dadurch einen aktuellen, frischen Charakter. Mit dem Liederbuch «La Grischa» (2013) arbeitet Corin Curschellas bekannte romanische Volkslieder neu auf und erläutert Hintergrundinformationen zum Volksliedgut. Neben der Realisation eigener Projekte für Bühne, Theater und Festivals, arbeitet sie mit unterschiedlichen Musikstilen, Instrumenten, Sprachen und Formationen (u.a. Vienna Art Orchestra). Die Bündner Musikerin hat den Anerkennungspreis der Stadt Chur und des Kantons Graubünden erhalten.

Links

Webseite: www.corin.ch
Wikipedia : de.wikipedia.org/wiki/Corin_Curschellas

Bestellung

Buch und Doppel-CD-Bestellung von « La Grischa »:
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Artikelfoto

Francesca Pfeffer

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