Martin Betz, Hohe Lieder für tiefe Stimme

30. August 2016
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Martin_BetzEine Rezension zu Martin Betz’ CD “Hohe Lieder für tiefe Stimme” (erschienen 2016), von Markus Heiniger.

„Gebürtiger Amerikaner, gelernter Schwabe, praktizierender Berliner.“ Sagt Martin Betz (*1964) über sich selber. Und bricht dabei gerade ein paar Schriftzeichen zu früh ab. „Praktizierender Berliner Liedermacher“ müsste es nämlich heissen. Aber das wäre ihm dann wohl einen Tick zu banal. Warum? Man kann darüber nur Vermutungen anstellen. Womöglich weil der Sammler von Kinderklavieren es seinem Publikum offen lassen möchte, ihn als Gesamtkunstwerk selber zu entdecken.

„…für tiefe Stimme“ steht auf seiner neuesten CD geschrieben. Strenggenommen eine Lüge. Denn, so würde das ungezogene Kind im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ bestimmt sagen: Er hat ja gar keine! Also nicht keine im Sinne eines Stummen. Nein, im Sinne der Knef vielmehr, über die die Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald einmal gesagt hat, sie sei die grösste Sängerin ohne Stimme. Braucht einer der Besten der Liedermacher-Zunft eine?

Spricht und singt Martin Betz, geht sowieso was ab. Und er tut es schön abwechslungsweise: Singen (sitzend am Klavier) und sprechen (stehend neben dem Klavier). Das habe sich so bewährt, meint er und sei zudem gut für die Linie. Seine Texte sind präzis, seine Kompositionen filigran. Und sein Humor abgründig. Und gleichzeitig erstaunlich gewinnend. Ach, und ja, seine Stimme ist tief. Irgendwie. Im Gegensatz zum Niveau seiner Lieder. Und immer genau dann, wenn diese um ein Fitzelchen zu viel an Höhe zu gewinnen drohen, sticht Betz der Hafer. Dann wird er schon mal lapidar. Etwa wenn er im Lied mit dem hochtrabenden Titel „Über die Magie des Augenblicks“ schreibt, (es folgt hier der ungekürzte Text): „Manchmal, da weiss ich einfach vom blossen ersten Ansehen schon: / Dich würd ich nicht von der Bettkante stossen, sondern vom Balkon.“ Oder er lässt in seine Lieder fürs Publikum scheinbar unentbehrliche Informationen einfliessen wie: „Dies war die erste Strophe. Es folgt die zweite.“ (In der es, was nach einer solchen Ansage ja zu erwarten war, natürlich noch dicker kommt.)

Was ist zu hören auf seiner neuesten CD? Der begnadete Moderator und Situationskomiker ist unter anderem ein Meister des „Reihenlieds“. Ganz unterschiedliche Strophen führen dabei jeweils zu einem sie verbindenden Refrain hin, welcher am Schluss des Chansons durchaus eine völlig unerwartete Wendung nehmen, also mit einer Pointe enden kann. Ein Solches „Reihenlied“ begegnet uns in Track 4, „Nach Arbeit aussehen“. Es beschäftigt sich mit all unseren Posen, die unser Tun nach Tugenden wie Fleiss und Gewissenhaftigkeit aussehen lassen. Spätestens hier zieht Martin Betz den bislang vielleicht noch unentschiedenen Hörer auf seine Seite. Denn es wird klar, bevor er irgendjemanden mit Spott überhäuft, lacht er über sich selber.

„Prima, super, irre, toll“ ist eine ganz besondere Kostprobe des sprachlich Hochbegabten mit seiner geheimnisvollen Narbe am Rande seines rechten Auges. Leute wollten schon wissen, ob es sich dabei um einen besonders riskanten „Schmiss“ handle, den er sich in einer schlagenden Studentenbewegung geholt hätte. Wenn es denn tatsächlich so wäre, fände es der Frager bestimmt „prima, super, irre toll“. Aber Martin Betz weiss – gerade auch im gleichnamigen Lied und dort bis hin zur schonungslosen Attacke auf unsere Lachmuskeln – hinter „prima, super, irre toll“ stecken meistens recht unspektakuläre Wahrheiten.

Nun könnten wir natürlich weitere Liedbeispiele anfügen und darüber rätseln, was die Faszination seines mit Tasteninstrumenten und Kontrabass (David Hagen) sowie durchgehend eher gedämpfter Stimme aufgenommenen Albums ausmacht, in welchem die teils jazzigen, teils klassischen Akkorde, kontrapunktischen Sequenzen, Läufe und Triller, abwechselnd auf Klavier und Orgel gespielt, eher das Understatement suchen als den vollen Klang. Liegt das Faszinosum im Phänomen, wie da einer mit Wortkunst und –witz die Welt sichtbar macht? Ist es einfach seine grosse Bühnenpräsenz, die irgendwie auch auf die CD überschwappt? „Gründe interessieren nicht“, meint Betz selber dazu in einem seiner Lieder. Meistens nicht, sei hier entgegnet. Denn vielleicht interessiert ja folgendes.

Noch viel mehr als gelernter Berliner ist Martin Betz ganz bestimmt gelernter SAGO. Ur-SAGO sogar. Einer der ersten Schüler Christof Stählins also, der 1989 seine Akademie für Poesie und Musik SAGO gegründet hat. Martin Betz ist dem Künstlerkreis um Stählin bis heute, also bis über des Lehrers und Freundes Tod (2015) hinaus, treu geblieben. Als einer, der Stählins Devise „Meine Lieder sind geschliffen aber nicht scharf“ in allen Facetten verinnerlicht hat. Auf dieser Grundlage hat Martin Betz zu seiner ganz eigenen Sprache gefunden, die sein Publikum immer wieder aufhorchen und befreit lachen lässt. Schmunzeln und staunen.

Markus Heiniger rezensiert regelmässig Liedermacher aus Deutschland und der Schweiz. Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Ein Achtel Lorbeerblatt.

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Homepage: Martin Betz

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