Jürg Halter: Us emene lääre Gygechaschte

28. November 2016
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12798971_1397233850578179_1840875162121349275_nMani Matter (1936 – 1972) gilt noch immer als der herausragendste Chansonnier der Schweizer Mundartszene. Anlässlich vieler Gedenkveranstaltungen zu seinem 80. Geburtstag wurde einiges von seinem Liedgut gecovert und gesungen. Dabei gelang und gelingt es nur wenigen Künstlern, Matters Lieder glaubwürdig zu interpretieren. Mich langweilt es, Künstlern zu lauschen, die krampfhaft den typischen Matterstil in einer Dauerschleife kopieren oder gar seine feinen, kritischen Texte mit unpassenden Arrangements übertönen. Die Finessen der kritischen und spitzigen Liedbilder Matters sind meisterlich und es bedarf sehr viel künstlerische Sensibilität, diese in unserer heutigen Zeit neu zu malen.

Der Verlag Zytglogge präsentiert mit dem Album „Und so blybt no sys Lied“ eine Hommage an den Meister des Berner Chansons. Ich finde darauf viele junge Künstler. Das Album ist gelungen. Frisch und mit Phantasie werden Matters Texte in unsere Zeit gebeamt.

Besonders poetisch und schauerlich zugleich ist für mich Jürg Halters neu arrangiertes und ins Hochdeutsche übersetzte Lied „Aus einem leeren Geigenkasten“. Es lässt mich aufhorchen. Halter ist ein Künstler mit Stil, ein unverwechselbarer Stimmungsmaler. Er ist ein Künstler, der die Sprache und deren Inszenierung beherrscht. Ich bin begeistert.

„Aus einem leeren Geigenkasten“ ist ein Antikriegslied der besonderen Art. Der Text ist aktueller denn je. Es brennen die Welten und die Seelen mit ihr. Das Lied kommt schaurig schön daher, es zeichnet die spezielle Stimmung zart und brutal. Jürg Halter setzt seine Stimme genau auf den Punkt, er gestaltet gekonnt. Geschickt sind seine textlichen Ergänzungen. Die Sounds werden perfekt eingesetzt. Halter gibt dem Lied Aktualität, es ist Halters Lied geworden. Es ist jetzt und heute, leider auch morgen, aktuell. Ein Warnsignal, ein stumm gewordener Aufschrei gegen das Morden, gegen das Unmenschliche, was täglich und überall passiert. Halters Interpretation zeigt unsere Machtlosigkeit, unser Hinterfragen, unsere Verantwortung, unser Vergessen und sie zeigt mit letzter Konsequenz, was Krieg aus unseren Seelen macht.

coverAlbum: Und so blybt no sys Lied. Mani Matter Tribute.

„Aus einem leeren Geigenkasten
zieht er sein Instrument
und der Kasten verschwindet
und er spielt ohne Bogen
ein Lied ohne Worte“

Das kurze Sound-Intro stimmt mich ein und erzeugt Spannung. Der Erzählgesang Halters geht tief in Kopf und Herz, kommt aber leicht und berührend nah daher.

„Und er trägt einen Zylinder
doch drunter keinen Kopf
und keinen Hals und keinen Leib
keine Arme, keine Beine,
das hat er alles verloren im Krieg“

 

Brutale, klare Aussage – wir haben alles zu verlieren.

„Alles verloren im Krieg
und so bleibt noch sein Lied
nur dieses ist noch da
denn auch einen Zylinder
hat er nie einen gehabt“

„So lauschen wir dem Lied
zunehmend unsicher
ob”s uns noch gibt
ob”s uns noch gibt
ob”s uns noch gibt
ob”s uns noch…“

„Und er spielt ohne Bogen
ein Lied ohne Worte
ohne Worte, ohne…
ohne Worte, ohne…“

Der Mensch demontiert sich selbst. Klimawandel. In der Politik. In der Gesellschaft. In der Natur. Beängstigend die Aussagen im Lied, die uns zwingen, bis zum Ende zu lauschen. Halter bleibt Halter. Auch die Gänsehaut bleibt. Ich höre Jürg Halters Chanson wieder und wieder. «Und so bleibt noch sein Lied».

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Liederbestenliste.

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