Rezension: Sonix – Dinge, die ändern

13. November 2016
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sonix_cover1Eine Rezension von Markus Heiniger.

Sie heisst Sonix, kommt aus der Schweiz und singt ihre eigenen Songs. Auf Deutsch. Mit sanfter, ausdrucksstarker Stimme. Dicht Getextet, oder wohl besser gesagt, präzise gedichtet, gleichzeitig leichtfüssig und klar. Völlig frei von schweizerisch, markiger Mundart-Einfärbung – Deutsch eben – dafür mit einem wohltuenden Schuss Blues im Blut.

Sonja Wanner rockt zusammen mit ihrer Band zurzeit ganz schön die Schweizer Bühnen. Und die Deutsche Lieder-Bestenliste. Denn auch den Kritikern ennet des Rheins ist das starke Gesamtpaket nicht entgangen. Apropos „rockt“: Sonix klingt eher nach Folk und Blues. Und, das Wichtigste, nach Sonix.

Selber bezeichnet sich die gelernte Schauspielerin und Musikerin als Liedermacherin, Sängerin und Freigeist. Letzteres wird man wohl fast zwangsläufig, gibt frau beim Stemmen des Lebens(unterhalts) als Mutter von Zwillingen das Schreiben und Singen eigener Lieder nie auf.

Was gibt es auf der CD zu hören? „Sing Halleluja, öffne dein Herz, stell das Denken ein, den Körper lass sein, sing Halleluja, vergiss deinen Schmerz, all deine Pein, lass nur das Jetzt hinein!“. Das ist positiver als mancher der folgenden Texte. Und doch strahlen Licht und Sound dieses Hallelujas hell und warm über das ganze Album und bis hinein in die engsten Ritzen aller folgenden Tracks, einschliesslich des mutig ausufernden Titels „Schmerz“. Und wie beiläufig sagt Sonix in ihrem Eröffnungssong auch, worum es ihr wohl wirklich geht in all ihren Liedern. Etwas, was so direkt und schnörkellos nur selten ein versierter Texter zu sagen wagt: „Hör in dich hinein, was dir die Liebe sagt!“

Grossmutters Hände“ ist eine ihrer ganz starken Nummern. Werner Weldon an der Gitarre, Achim Drüke am Bass und Ferdinand Rauber an der Percussion legen einen dunkelblauen, beinahe schwarzen Teppich unter eine Hommage an eine kluge, alte Frau, die längst weiss, worauf es im Leben ankommt (und worauf nicht). Schon nach den ersten Takten fällt man in den Song hinein und sieht sich wenig später selber als Kind in der Küche der eigenen Grossmutter stehen. Im Dampf und Qualm eines ungeduldig erwarteten Essens und Lebens.

In „Alleinerziehend“ lehnt die am Weihnachtstag 1969 geborene bei Zürich aufgewachsene attraktive braunäugige Künstlerin in der Erinnerung an einer Wand und beobachtet konzentriert ihr Kind, das im Wasser planscht. Hat sie alles erledigt, was es zu erledigen gilt? Bestimmt hat sie etwas vergessen. Wie könnte es auch anders sein. Denn sie ist „Mutter, Vater, Spielgefährte, Businessfrau und Krankenschwester, Freundin, Köchin, Krisenrat und mehr.“ Für einen ganz kleinen Augenblick schweift sie, so an der Wand lehnend, in die Erinnerung alter Tage ab und versucht sich darauf zu besinnen, was damals ihre Träume waren, die gestresste Mutter von heute, die vom Büro zu ihren Kindern rennt und wieder zurück. Ein von Selbstmitleid geprägtes Lied? Nein. Bloss eine sich schonungslos erinnernde Songwriterin, die, ohne zu beschönigen, singt, wie’s halt ist. Und war.

Keine Flagge für niemand“ schliesslich ist ein trotziges, stolzes Bekenntnis einer Frau mit einer bunten nationalen Herkunft. „Müsste ich mir eine Flagge wählen, ich schwörs, ich käm in Not…“ „Müsst ich mir eine Hautfarbe wählen, ich schwörs, ich käm in Not…“ „Müsst ich mir einen Glauben wählen, ich schwörs, ich käm in Not.“ Sonix leistet Widerstand und wählt nichts. Gar nichts. Denn sie will einfach nur Europäerin sein und Mensch. Ein liebender Mensch.

Gibt es Schwachstellen auf dem Album? Vielleicht unmittelbar nach Track 12. Denn da ist die CD zu Ende. Schon, möchte man sagen. Und beginnt mit Hören gleich nochmal von vorne. Geniesst die Stellen, an denen Monique Baumanns Flöte erklingt. Und versucht die Assoziationen zu entwirren im Song „Echo“, in dem Sonix von ihrer „Zeit als Frau im Kind“ singt. Spätestens hier wird einem bewusst, was Sprache kann: Wenn man sich in Sonix‘ Stimme selber als Mensch im Kind erkennt, das man war. Gut, dass es noch lange nicht vorbei zu sein scheint mit starken Deutschen Songs.

Link
www.sonix.ch

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf “Ein Achtel Lorbeerblatt“.

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