Rolf Marti – Gopferteli (CD-Taufe)

21. August 2017
By

Rolf_Marti_01_webEine Rezension von Markus Heiniger

«Gopferteli, hesch geng d Weli» (Gott verdamm mich, hast immer die Wahl, oder besser gesagt, dauernd musst du dich entscheiden, verdammt nochmal!). «Dialekt kommt dem Reim entgegen», hat Sebastian Krämer einmal nachdenklich kommentiert, als ich ihm ein Lied von Mani Matter auf meinem alten Plattenspieler vorgespielt hatte.

Und eigentlich ist er ja auch genau da geklaut, Martis Reim: Bei Mani Matters «Alpenflug». Da geht dem Piloten nämlich der Treibstoff aus, und der Passagier, der hinter ihm sitzt, merkt es. Als er es dem Piloten sagen will, versteht dieser es nicht. Irgendwann rastet der Passagier aus und brüllt in den Motorenlärm hinein: «Gopferteli, mir hei nid d Weli, warum landisch nid sofort!?» (Warum landest du nicht sofort?)

Rolf Marti nun beklagt sich allerdings ganz im Gegenteil, dass wir heute dauernd die Wahl haben, in jeder Lebenssituation. Und weil er ein echter Berner Troubadour ist, kommt es in seinem Lied, nach vermeintlich sehr vernünftigen Entscheidungen, zuletzt doch schlecht heraus. Klar, es musste ja so kommen. Berner Chansons sind oft Moritaten. Das ist gut gemacht und mit angenehmer Stimme vorgetragen. – Auf zwei Quadratmetern Fläche, wie Marti sich selber verkauft. Nun ja, seinem Vortrag, als erratischem Block auf der Bühne, täte etwas Bewegung womöglich trotz allem ganz gut. Warum, fragt man sich nach dem fünften Lied, steht er nicht hin und wieder einfach mal auf, wie Martin Betz etwa, um sich danach wieder hinzusetzen, was, wie Betz sagt, gut ist für die Gesundheit?

Egal, wir folgen Marti gerne. So oder so. Denn er zeigt uns, dass es einfach Spass macht, ohne falsche Ehrfurcht in die Fussstapfen der «Ur-Berner Troubadours» zu treten und in deren Stile ganz unverkrampft weiter zu machen. Er ist ja nicht der Einzige, der das tut. Aber er gehört zweifelsohne zu jenen, die es hervorragend machen.

Marti textet präzise und mit viel Sprachwitz, trägt trocken vor aber nicht weniger präzise und begleitet sich dabei schlicht und sauber. Dass er kein grosser Musiker ist, stört uns nicht. Und flicht er im Konzert einmal ein technisches Extra ein auf der Gitarre, ist er so stolz darauf, dass er sein Publikum in zurückhaltender Selbstironie «vorwarnt».
Ja, man hört ihm gerne zu, wenn er den Sprung eines Frosches aus dem Teich besingt, der nicht mehr zurückkommt und über dessen Schicksal im Teich alsbald die wildesten Gerüchte zirkulieren. Jeder hat eine Meinung dazu, wie es dem Frosch in der Fremde wohl ergangen ist, vom Molch bis zur Forelle. Und die trotz des Feuchtgebiets wiederum staubtrocken vorgetragene Moral der Geschichte, die sich auf den davongehüpften (und seither als verschollen geltenden) Frosch bezieht, ist für einmal sogar durchwegs positiv: «Doch egal, was isch passiert / är het’s immerhin probiert.» (Doch egal was passiert ist, er hat es immerhin probiert.)

Spannend wird es, wenn Marti den Intercity-Zug von Bern nach Zürich besteigt. Ein wenig lehnt er sich beim unverhofften Abdriften des Zuges in unbekannte Sphären bei Friedrich Dürrenmatt an, der einmal einen Zug im Tunnel in Richtung Mittelpunkt der Erde sausen lässt. Eine Dürrenmatt-Parallele, die Marti, als Information, augenzwinkernd auch gleich mit ins Lied einbaut.

Nicht nur bei diesem Chanson zeigt sich, dass gerade die streng eingehaltene Form des Genres inhaltlich nach wie vor auch Überraschendes ermöglicht. Auch wenn die Moral bei Martis Eisenbahnlied – ich weiss, ich sollte hier in meiner Rezension nicht alle Pointen verraten, aber es bleiben bei Martis Album «Gopferteli» durchaus noch welche übrig – nämlich dass das Lösen eines Tickets nicht immer die Garantie fürs Erreichen des Ziels bedeutet, etwas banal ist. Aber was macht’s? «Soyons banals!», (lasst und banal sein) sagte ja kein geringerer als Mani Matter selber. Und die möglichst banale Moral am Ende einer möglichst verrückten Geschichte ist ja mitunter ein Erkennungszeichen des Berner Chansons.

Schwächen der CD?

Dass in der Politik zu oft «Pfeifen» gewählt werden, spricht Marti nicht aus, er pfeift es uns vor. Hier intoniert er nicht ganz so rein, wie er es mit Gitarre und Stimme macht. Umso spannender ist dafür die Zusammenarbeit mit Michael Leuenberger, Kontrabass. Unterstützt Leuenberger den Berner Troubadour, kommt sofort eine musikalische Dimension ins Spiel, die übers rein funktionelle Begleiten hinausführt.

Das Album endet mit einer «Begegnung» zweier, die sich nichts mehr zu sagen haben. Wie es Rolf Marti in diesem Titel gelingt, das Wesentliche zwischen den Zeilen zu sagen, zeugt von literarischer Qualität. Das allerletzte Wort des Liedes, das er sehr verzögert ausspricht, hätte er auch ganz weglassen dürfen. Fehlte ihm dazu noch der Mut?

Ja, tritt er einmal in unserer Nähe auf, Rolf Marti, und wir haben terminlich «d Wehli», dürfte die Entscheidung nicht schwerfallen. Rolf Marti ist als präziser Handwerker und Kleinkünstler mit dem Charme des Understatements eine Entdeckung und eine echte Bereicherung.

CD-Taufe

gopferteliNach 18 Jahren Bühnenabsenz ist Rolf Marti im Herbst 2015 mit jung gebliebenen und mit neuen Berner Chansons zurückgekehrt. Jetzt ist seine erste CD erschienen. Sie heisst «Gopferteli» und wird mit einem Spezialprogramm unter dem Motto «Unerhörte und lange nicht mehr gehörte Chansons aus 35 Jahren» getauft. Rolf Marti singt die eine oder andere Premiere sowie Lieder, die er seit Jahren nicht mehr öffentlich vorgetragen hat.

Wann & wo: Samstag, 9. September 2017, 19:00 Uhr, Alte Schmiede Uettligen.

 

Link

www.rolfmarti.ch

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *