Mit Beatles, Bach und Bahn durch Europa – eine Buchbesprechung

Mit Beatles, Bach und Bahn durch Europa

Aernschd Born präsentiert sein Buch «Der Musikant am Strassenrand / Erinnerungen eines Strassenmusikers, 1967 – 1973»

von Alva Liv

Knackig, bluesiger Mundharmonika-Sound über zügig, harter Begleitung. Nur ganz kurz. Schnitt. Und dann Aernschd Borns gesprochener Kommentar: «So hörte sich das an, 1970. Mit Mundharmonika und Gitarre bespielte ich als junger Strassenmusiker die Städte Europas.»

Nun bespielt er das Netz, Aernschd Born, und setzt sich mit seinem neusten Werk unter anderem auf eine Bank im Freien oder in einen Waggon der historischen Waldenburger-Bahn und liest vor. Überraschend für alle, die sein Buch noch nicht kennen. Und für jene, die die Lektüre schon genossen haben wohl fast noch etwas überraschender. Oder überraschend vertraut. Weil Born auch in den Videos ganz unbeschwert vermittelt, was wir bereits beim Lesen so wohltuend erlebt haben. Leichtfüssigkeit und Charme, fern jeder Oberflächlichkeit. Zudem sind Borns Geschichten von einer angenehmen Distanz zu sich selber geprägt. Seine Texte sind wie aus dem Off gedrehte Kurzfilme. Rückblenden, Glanzlichter. Jedenfalls mehr als blosse «Anekdoten», wie sie der Autor mit typisch baslerischem Understatement nennt. Über die Jahrzehnte festgehaltene Momentaufnahmen sind es, wie sie einem gereiften Menschen im Rückblick wohl kaum gelängen, hätte er die Welt nicht damals schon zuweilen leicht distanziert und staunend betrachtet. Born spitzt seine Episoden jeweils auf eine Pointe hin zu, ohne dafür je das Gefühl der schlichten Natürlichkeit und Unmittelbarkeit anzukratzen. Alles wirkt authentisch. Und zum Schluss bleibt uns jedes Mal ein Schmunzeln. Mindestens.

In einen Eisenbahnwagen dürfte es Aernschd Born zum Vorlesen gezogen haben, weil ein paar seiner Geschichten im Zug zwischen Basel und Milano spielen, wo der gelernte Reproduktionsfotograf damals gearbeitet hat. Dabei kommt er unter anderem mit einem Drogenschmuggler in Kontakt, der schwarz sieht für die Welt, rabenschwarz, als er realisiert, dass einer wie Aernschd Born ihm definitiv keine Beihilfe zu seinem Tun leistet. Denn der Dealer hat ein Problem. Drei Nonnen unterhalten sich inzwischen angeregt auf der Sitzbank, unter der der Stoff vor den Zöllnern versteckt ist. Auch mit nicht ganz erstklassigem Sardischem Wein kommt Aernschd Born in Kontakt, in einer anderen Geschichte, von dem sich sein Magen ohne sein willentliches Zutun bald ebenfalls ganz klar distanziert. Oder, auf einer weiteren Eisenbahnfahrt, mit der freigeistigen Magdalena, die sich so dezidiert über die Schweizer Langweiligkeit und Fantasielosigkeit auslässt, dass sie der junge Basler in seiner Heimatstadt kurzerhand an die Fasnacht einlädt, die gerade durch die Altstadt rauscht und pulsiert. Und wer wollte eine solche Einladung des sanften, jungen, wohl etwas schüchternen Poeten mit seinen wunderschönen langen Haaren, seinem buschigen Bart und seinen grossen, dunklen Augen schon ausschlagen.

Um seine Geschichten in der damaligen Welt noch etwas besser zu verorten, erfahren wir von Aernschd Born zwischen den Kapiteln hin und wieder knapp, was die Menschen damals bewegte: Die Ermordung Martin Luther Kings, die Kriegsdienst-Verweigerung Muhammad Alis, der Militärputsch in Chile, Picassos Tod oder die erste ZDF Sportstudio-Moderation durch eine Frau.

Und natürlich erfahren wir, was Aernschd Born an Europas Strassenrändern damals so sang. Und auch weshalb ihm gerade diese Songs so wichtig waren: «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» von den Beatles etwa, «Bella ciao», ein Italienisches Volkslied, «Boureée» von Johann Sebastian Bach (um 1660) und von Jan Anderson, Jethro Tull, (1969) oder «z Basel an mim Rhy» von Johann Peter Hebel, entstanden um 1806, um die Spannbreite nur anzudeuten.

«Der Musikant am Strassenrand» endet mit einem Nachwort, das gleichzeitig den Anfang von Aernschd Borns Karriere als Liedermacher markiert, pointiert einmal mehr, denn ein Schalterbeamter kommt mit der Berufsbezeichnung «Liedermacher» nicht klar und ist für einen Augenblick lang ernsthaft der Auffassung, der Kunde möchte sich als «Miedermacher» eintragen lassen.

Das bei «ambripress, Basel» erschienene Buch ist die ideale Lektüre für’s neue Jahr. Denn Aernsch Born zu lesen macht glücklich. Die Geschichten gehören nicht zuletzt bei Eisenbahnfahrten ganz oben ins Gepäck. Weil wir unseren Mitmenschen schon nach nur einer einzigen Geschichte bestimmt ganz anders in die Augen schauen. Etwas neugieriger und heiterer. Herzlicher.

 

Verlag ambripress, Basel, ISBN 9978-3-905367-14-0

www.borninbasel.com

 

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