Vom Tod der CD und einer Leiche im Fass – eine Rezension

Ruedi Stuber präsentiert sein neues Album
Hermine
mit «Die schweigende Mehrheit»
von Alva Liv
Ruedi Stuber will es noch einmal wissen. Obschon ja kaum jemand mehr CDs höre, wie er trocken konstatiert. Drum sei es wohl seine letzte. Zudem geniesse er nun auch das Rentnerleben. Sein Ältester leitet die Mühle Hunziken, und wenn Ruedi Stuber nicht selber spielt, ist er dort oft zu Gast und geniesst, zusammen mit seiner Frau, Konzerte. Etwa Patent Ochsner, wo sein Mittlerer seit vielen Jahren am Lichtpult sitzt. – Wenn Corona es zulässt.
Immerhin, seine Auftritte werden noch besucht. «Ich hatte im September (2021) acht Auftritte», schreibt er mir auf WhatsApp. Zudem wurde Stuber dazwischen noch von RaBe (Radio Bern) interviewt und stand, wenige Tage später, mit einer fulminanten Moderation auf der Bühne des «Château Chanson» über Solothurn. Denn auch als Gastgeber hat Ruedi Stuber bestechende Qualitäten.
Das Hermine-Album beginnt mit einem Opener, «Ersts Lied» (1) und findet seine Fortsetzung im makaberen «Hassan» (2).
Ein Mitarbeiter im Weinbau verschwindet für lange Zeit unauffindbar, um schliesslich auf dem Grunde eines Fasses wieder aufzutauchen. Also, seine Leiche taucht dort auf. Und der Wein, in dem Hassan ersoffen ist, ist inzwischen wohl getrunken. Vielleicht ja von uns. Prost! – Diese Erwägung ist so morbide, dass das schreckliche Lied bereits wieder die Lachmuskeln schüttelt. Als pointierte Moritat. – Ein Lachen allerdings, das schon auch mal im Halse steckenbleiben kann.
Liebevoll geht es weiter. Welch ein Kontrast, Ruedi Stubers subtil verfasstes Portrait der «Kaja» (3). «Flügulahm» (4) stammt dann, neben weiteren Chansons, ursprünglich aus der Feder von Michel Bühler. In Ruedis wundervollen Übersetzungen vom Französischen in den Solothurner-Dialekt. «Flügulahm» («C’est la montagne») ist geprägt von einem Satz, der Ruedi Stuber und sein Schaffen wohl im Kern trifft: «Mir chönnte jetzt chlage / aber mir löis.» «Chüngu-Würscht» (5) erinnert ein wenig an Fritz Widmers «Cervelat», «Früehligsgfüehl», (6) musikalisch, ohrwurmig, ans Kichen-Gesangsbuch. Inhaltlich allerdings eher weniger. Denn das Sexualverhalten von Amphibien hat dort drin bestimmt nichts verloren. Und dass die Tiere dabei dereinst von Autos überfahren werden, konnten “Liedermacher” wie Martin Luther oder Paul Gerhardt ja nicht wissen.
Die hier oben erfolgte lückenlose Auflistung von Ruedi Stubers ersten sechs Liedern auf der CD zeigt auf, mit welcher Vielfalt an Themen und Gefühlen wir es auf seinem neuen Album zu tun haben. Stuber kann nachdenklich sein, philosophisch, grotesk, humorvoll und auch satirisch. Und «Die schweigende Mehrheit» sorgt unterstützend dafür, dass das Ganze zum musikalischen Genuss wird. Ja, und nicht nur in den Bühler-Bearbeitungen wird klar, mit welch feinsinnigem und versierten Sprach-Handwerker wir es hier zu tun haben. Ruedi Stuber war, als Benjamin, einst einer der legendären Berner Troubadours. Wen wundert’s.
Gleichwohl darf beim Chanson «Hermine» (14) wohl vom eigentlichen Höhepunkt der CD gesprochen werden. Die Begegnung zwischen einer Bewohnerin eines Altersheims und einem Jugendlichen, der sie dort zur Strafe besuchen muss, hat es in sich. Und man möchte Ruedi nach seinem Vortrag solcher Lieder stets nur «Da Capo» zurufen. Ebenfalls wenn er zum Schluss seiner CD mit dem Chanson «I syre Wält» (19) ein plastisches Kunstwerk so beschreibt, dass man zuletzt nicht mehr weiss, welche Arbeit nun beachtenswerter ist, die beschriebene oder die Beschreibung derselben.
Da Capo, Ruedi! Hör bitte nicht auf zu singen! Noch lange nicht!

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