Oli Kehrli – Zuekunftsnostalgie

oli_kehrli_cd_cover_zuekunftsnostalgieIm April dieses Jahres erschien Oli Kehrlis CD “Zuekunftsnostalgie”. Eine Rezension von Markus Heiniger.

Oli Kehrli setzt mit seinem neuen Album Massstäbe, und zwar gleich in mehreren Bereichen der „Randsportart“ Liedermacherei. So ist es dem Stadtberner und bekennenden YB-Fan gelungen, den ehemaligen Spieler der „bleus“, also der Französischen Fussball Nationalmannschaft, den jetzigen Berner (YB)-Stürmer Guillaume Hoarau, für ein Featuring zu gewinnen. Kurz, Kehrli und Hoarau singen zusammen. Im Lied „LES PASSANTES“. (Die flüchtigen Bekanntschaften mit Frauen.) Zuerst abwechslungsweise, Kehrli Berndeutsch, Hoarau Französich, schliesslich, beide Französisch, im Duett. Was daran so beachtlich ist?

Erstens können die beiden singen und haben, wie könnte es anders sein, grossen Spass daran. Und zweitens findet Kehrlis Kunst – er ist der Liedermacher mit der wohl grössten stilistischen Nähe zur Tradition der „alten“ Berner Troubadours rund um Mani Matter – auf diese Weise den Weg zum einen oder anderen Hörer, der sich das neue Album oder eines seiner Konzerte sonst womöglich nicht angehört hätte.

Und die “Massstab-setz-Liste“ ist damit noch lange nicht abgearbeitet. Bei weitem nicht. Drittens funkelt beim Gitarrenspieler und Sänger Oli Kehrli nämlich immer wieder diese Teufelsvioline im Hintergrund auf, die den Troubadour auf einem Niveau begleitet, welches sein Feuer und seinen Schliff – der Autor dieses Textes weiss näheres – auf den Weltbühnen der Klassischen Musik vervollkommnet hat. Lassen wir dem Phänomen dieser mit Zauberbogen gestrichenen Begleitstimme hier aber den Hauch des Geheimnisvollen, welcher die unglaublich subtilen Begleitungen ja eh umweht.

Last but not least ist es Oli Kehrli mittlerweile gelungen für sein Schaffen namhafte Sponsoren zu finden, wie dem CD-Cover zu entnehmen ist. Dies zeugt davon, dass er mit seiner Kunst nicht nur ein Publikum erreicht (und hat!) sondern auch potente Geldgeber vom kulturellen Wert seines Schaffens zu überzeugen vermag.

Was singt Oli Kehrli auf seinem neuen Album?  Der künstlerische Ziehsohn des Mani-Matter-Freundes Jacob Stickelberger beherrscht nicht zuletzt das erzählen von Witzen in Liedform. Fritz Widmer lässt grüssen. In „Ä JEGER IM WALD“ (ein Jäger im Wald) etwa, in „PARKBUESS“ (Parkbusse) oder in, „LENA“, einem Lied, in dem er in bester Berner Troubadour-Manier in Form einer nachgelieferten Moral auf die Schlusspointe gleich noch einen draufsetzt. – Ums Fremdgehen geht es dabei. Der gelernte und praktizierende, grossgewachsene Heilpädagoge mit seinem sportlichen Körperbau und seinen ausdrucksstarken dunklen Augen, in die an seinen Konzerten jeweils sein ganzes Publikum zu versinken scheint, ist im Grundton philosophisch witzig. Aber er kann auch melancholisch, ja tieftraurig. In „STÄRNECHING“ (Sternenkind) etwa, wo er über ein Leben singt, das, kaum entfacht, auch schon wieder erlischt.
In „dr WUNDERBARSCHT MÖNSCH“ schliesslich gelingt Kehrli die Kür. Denn das Lied, mit Violinbegleitung (!), ist abgrundtief selbstironisch. Und das beherrscht nun wahrlich nicht jeder der Zunft.

Dass Kehrli sich in einem seiner Chansons an den Lieben Gott wendet, mit der Bitte um Beistand für seinen Fussballclub YB, (Berner Sportclub Youg-Boys, der das Nachfolgestadion bespielt, in dem sich einst das „Wunder von Bern“ ereignet hat), ist bei der in den letzten Jahren übermächtigen Konkurrenz des Serienmeisters aus Basel mehr als verständlich. Wer es für Kitsch hält, zappt weiter, wer darum weiss, was wahre Fankultur ist, geht mit dem Song mit. Vielleicht singt ihn Kehrli, was er mit einem anderen YB-Song ja auch schon getan hat, einmal vor der gerammelt vollen gelbschwarzen Ostkurve im Stade de Suisse.

Als kleine Schwäche des versierten Verseschmieds, welche er mit einem hier unlängst ebenfalls besprochenen Schweizer Kollegen teilt, ist das „Um-Betonen“ gewisser Wörter zwecks Reim zu nennen. So wird etwa aus der Bratpfanne, die im Alltag immer mit Betonung auf die erste Silbe gesprochen wird unvermittelt eine Bratpfanne (mit Betonung auf das zweite „a“). Oder aus dem Wort Tempo, das Wort Tempo. Aber einer, der so gewinnend dichtet und singt und dabei so vieles richtig macht, wird ja nicht unsympathisch, indem er eben auch den einen und anderen Fehler hat. Auch wenn es sich beim hier beschriebenen um einen handwerklichen handelt, den er künftig durchaus noch korrigieren dürfte.

Insgesamt führt Oli Kehrli sprachlich eine sehr feine Klinge. Und so erklärt er in einem seiner Lieder denn auch prompt den Berndeutschen Unterschied zwischen „zwe, zwo und zwöi“ (zwei-männlich, zwei-weiblich und zwei-sächlich). Das scheint vertrackt, ist aber unter dem Strich gar nicht so schwer. Jedenfalls nicht mit Kehrli. Und schwer fällt es einem denn auch nicht Oli Kehrlis Berner Dialekt zu mögen. Schon gar nicht beim Eintauchen in seine Lieder.

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Homepage: Oli Kehrli

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